Kleines Mädchen übt das Gehen am Barren im Therapieraum

Neuromuskuläre Erkrankungen: Hilfsmittel für positive Bewegungserfahrungen

Der Volksmund nennt sie "Muskelschwund" und beschreibt damit ein wesentliches Krankheitszeichen sehr unterschiedlicher Erkrankungen. Gemeinsam ist ihnen, dass Kinder deutlich mehr Kraft, Aufmerksamkeit und Motivation aufbringen müssen, um sich gegen die Schwerkraft zu bewegen. Hilfsmittel sollen genau diese Hürde senken: Sie nehmen Last ab, sichern die Haltung und schaffen Bewegungserfahrungen, die ein Kind sonst nicht machen könnte.

  • ICD-10 G70–G73, G60–G64, G11

Krankheitsbild

Das Krankheitsbild

Eine neuromuskuläre Erkrankung (NME) ist meist ein genetisch bedingter, seltener ein immunvermittelter chronischer Prozess, der zu fortschreitender Muskelschwäche und Bewegungsbeeinträchtigung führt. Die Erkrankungen sind selten und komplex, die Verläufe sehr verschieden: Manche bleiben über Jahre stabil, andere schreiten in Schüben oder kontinuierlich fort. Betroffen sein können der Muskel selbst (Myopathien, Muskeldystrophien), die Übertragung vom Nerv auf den Muskel (zum Beispiel Myasthenie), die peripheren Nerven (Neuropathien) oder die motorischen Nervenzellen im Rückenmark (Spinale Muskelatrophien).

Erkrankungen

Was gehört zu den neuromuskulären Erkrankungen?

  • Spinale Muskelatrophien (SMA), siehe eigene Seite
  • Muskeldystrophien, zum Beispiel Duchenne (DMD) und Becker (BMD), Gliedergürtel- und kongenitale Muskeldystrophien
  • Kongenitale Myopathien und Strukturmyopathien
  • Hereditäre motorisch-sensible Neuropathien (HMSN, Charcot-Marie-Tooth)
  • Entzündliche und andere Polyneuropathien
  • Myasthenia gravis und kongenitale myasthene Syndrome
  • Ataxien wie die Friedreich-Ataxie, die wir ähnlich versorgen, auch wenn sie nicht zu den neuromuskulären Erkrankungen im engeren Sinn zählen

Die Diagnose stellt das neuromuskuläre Zentrum. Für die Hilfsmittelversorgung ist weniger der Name der Erkrankung entscheidend als das aktuelle Funktionsniveau, der zu erwartende Verlauf und die Ziele des Kindes und der Familie.

Versorgungskonzept

Das Versorgungskonzept

Jedes Kind braucht vielfältige positive Bewegungserfahrungen, um ein vollständiges Bild von seinem Körper und seinen Möglichkeiten zu bekommen. Eine ausgeprägte Muskelschwäche erschwert das und beeinflusst so die gesamte körperliche und seelische Entwicklung. Ziel von Therapie und Hilfsmittelversorgung ist, positive Bewegungserfahrungen zu schaffen und damit Entwicklung auf allen Ebenen zu ermöglichen.

Dabei leiten uns drei Prinzipien. Hilfsmittel so leicht und so wenig einschränkend wie möglich, damit die vorhandene Kraft genutzt wird. Vorausschauend planen, weil sich Fähigkeiten verändern können; Hilfsmittel müssen mitwachsen und umbaubar sein. Und die Haltung schützen, denn Muskelschwäche begünstigt Kontrakturen, Skoliose und Fußfehlstellungen, denen Orthesen, Steh- und Lagerungshilfen entgegenwirken können.

Rote, individuell gefertigte Sitzschale

Versorgungsverlauf

Der Versorgungsverlauf bei neuromuskulären Erkrankungen

  1. Beratungstermin und Untersuchung

    Wir lernen dein Kind kennen, sehen uns Kraft, Beweglichkeit, Haltung und vorhandene Hilfsmittel an und lesen die Befunde des neuromuskulären Zentrums. Gemeinsam formulieren wir Ziele für Alltag, Kita oder Schule und Therapie.

  2. Rezept und Genehmigung

    Das Rezept stellt das Zentrum, das SPZ oder die Kinderärztin aus. Wir erstellen Kostenvoranschlag und Begründung und begleiten den Antrag bei der Krankenkasse bis zur Entscheidung.

  3. Maßabnahme und Erprobung

    Orthesen, Korsette und Sitzversorgungen entstehen nach 3D-Scan oder Abdruck. Rollstühle, Stehgeräte und Armunterstützungen erproben wir mit Demogeräten, gern auch einige Tage zuhause.

  4. Anprobe

    Wir kontrollieren Passform, Gewicht, Druckverteilung und vor allem, ob das Hilfsmittel Bewegung erleichtert statt blockiert. Änderungen erledigen wir direkt in der Werkstatt.

  5. Einweisung und Training

    Familie, Therapeuten und Betreuende erhalten eine Einweisung. Auf Wunsch begleiten wir Therapietermine, damit das Hilfsmittel in die Behandlung eingebunden wird.

  6. Kontrolle und Anpassung

    Wir vereinbaren feste Kontrollen, bei progredienten Erkrankungen in kürzeren Abständen, und passen Hilfsmittel an Wachstum und veränderte Kraft an.

Hilfsmittel

Mögliche Hilfsmittel nach Lebensbereich

  • Liegen, Lagern und Schlafen

    Lagerungssystem, Nachtlagerungsorthesen gegen Spitzfuß und Kontrakturen, Pflegebett mit elektrischer Verstellung.

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  • Sitzen und Positionieren

    Therapiestuhl mit Rumpfführung, individuelle Sitzschale, Korsett, Armunterstützungssystem für Essen, Spielen und Lernen.

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  • Stehen

    Stehtrainer, Stehständer oder Stehbrett zum Erhalt von Gelenkbeweglichkeit, Knochendichte und Kreislauffunktion.

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  • Gehen und Bewegen

    Leichte Unterschenkelorthesen aus Carbon oder im 3D-Druck, Einlagen, Gehtrainer, Rollator, funktionelle Elektrostimulation bei Fußheberschwäche.

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  • Mobil sein

    Aktivrollstuhl mit Restkraftverstärkung, Elektrorollstuhl, Therapiedreirad, Zuggeräte und Handbikes für längere Strecken.

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Für Ärztinnen und Ärzte, Therapeutinnen und Therapeuten: ORFOpedia

Du verordnest oder therapierst Kinder mit dieser Diagnose? In unserem ORFOpedia haben wir zu jeder Versorgung exakte Verordnungs- und Produkthinweise zusammengestellt: Passende Formulierungen für die Verordnung, Hilfsmittelnummern, Indikationen und Kombinationsmöglichkeiten. Den Zugang geben wir Praxen, Therapeutinnen und Therapeuten sowie Einrichtungen auf Anfrage frei.

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Fragen

Häufige Fragen

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Jedes Kind ist anders. In einem unverbindlichen Gespräch klären wir, welche Hilfsmittel für dein Kind jetzt sinnvoll sind, wie der Weg über Rezept und Krankenkasse aussieht und ob ein Hausbesuch passt.

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Mo bis Do 08:00–16:30 Uhr · Fr 08:00–14:00 Uhr · Termine individuell bis 18:00 Uhr

Diese Seite informiert über Hilfsmittelversorgung und ersetzt keine ärztliche Diagnose oder Therapieentscheidung. ORFO stellt keine Diagnosen und trifft keine Therapieentscheidungen. Wir setzen die ärztliche Verordnung um und stimmen jede Versorgung mit dem behandelnden Team ab.